Interview zum Thema „Weininvestment“

August 14, 2007

 Ich habe mit dem bekannten Weinjournalisten Mario Scheuermann ein Interview zum Thema „Weininvestment“ geführt. Dabei ging es um das Thema allgemein sowie die spezielle Situation in Deutschland. Mario Scheuermann gilt als absoluter Weinexerte und betreibt u.a. die immer wieder lesenswerten weblogs http://bordeaux.blogg.de und http://drinktank.blogg.de .  Dabei denkt er auch immer über den Teller-/Weinglasrand hinaus, wie im Folgenen zu lesen ist:

Wie würden Sie persönlich den Begriff des Weininvestments definieren?

Dafür gibt es keine einheitliche Definition, denn die Möglichkeiten in Wein zu investieren sind vielfältig. Ich kann z.B. ganz einfach Weine kaufen, von denen ich überzeugt bin, dass sie an Wert gewinnen. Dann gibt es verschiedene Fonds-Modelle. Natürlich könnte man auch direkt in ein spezielles Weingut investieren. Und dann gibt es noch die Möglichkeit in grosse Weinunternehmen wie Hawesko oder Pernod-Ricard über die Börse zu investieren. Davon halte ich persönlich am meisten; denn diese Form des Investments ist für den normalen Anleger am leichtesten zu überschauen. Eine österreichische Bank hat dafür eigens ein Zertifikat aufgelegt, dessen Performance recht ordentlich aussieht.

 Was sind die charakteristischen Merkmale des Marktes für hochwertigen Wein?

Geringe verfügbare Menge, limitierte Produktion einerseits und wachsende weltweite Nachfrage andererseits.

 Würden Sie hochwertigen Wein als eigene Anlageklasse ansehen?  

Grundsätzlich: Ja.

Wie schätzen Sie den Markt für das Weininvestment in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum aktuell ein?

Skeptisch bzw. eher schlecht. Wenn die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande so weiter geht wie im Augenblick, werden die meisten Konsumenten keine guten Aussichten haben, sich künftig jemals einen richtig grossen Wein leisten zu können.

Was sehen Sie als grundlegende Voraussetzung für eine Verbreiterung der Basis in Deutschland an?

Höhere verfügbare Einkommen der normalen Bürger und deutlich niedrigere Steuern. Weniger staatliches Raubrittertum und mehr Freiheit für den Konsum der Bürger. 

Warum hat das klassische Weininvestment ihrer Meinung nach z.B. in England einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland? 

Weil es dort eine längere Tradition dafür gibt. Weil es dort wirklich funktionierende Fonds gibt. Weil dort nach wie vor die wichtigsten Händler und Auktionshäuser sitzen. Letztendlich werden in England die Preise gemacht.     

Wie ist Ihre Meinung zu dem Vorwurf, dass Spekulanten und Investoren die Preise für hochwertigen Wein so in die Höhe treiben, dass er für den „normalen“ Weinfreund nicht mehr zu bezahlen ist?
 
Was heißt da Spekulanten? Das ist eine ganze normale marktwirtschaftliche Entwicklung. In vielen Ländern wächst der Mittelstand, während er bei uns schrumpft. Die anderen werden nicht nur reicher, wir werden auch ärmer. „Geiz ist geil“ konnte doch nur entstehen, weil die Menschen weniger verfügbares Netto-Einkommen haben. Den Menschen blieb doch gar nichts anderes übrig. Die Zeit zwischen den 1970er und 1990er Jahren war deshalb hedonistisch, weil  sich viele Menschen diesen Lebensstil leisten konnten. Heute können dies deutlich weniger  Menschen.  

Nachdem der Weinmarkt insbesondere im letzten Jahr auf eine beeindruckende Performance verweisen kann- wie hoch schätzen sie die Gefahr von rückläufigen Preisen ein?

Ich sehe diese Gefahr im Augenblick noch nicht. Nach wie vor gilt: immer mehr Konsumenten wollen und können Topweine kaufen und die Menge dieser Weine wächst nicht annähernd so schnell wie
die Zahl potenzieller neuer Konsumenten und damit die Nachfrage. 

Welchen Rat würden Sie jemanden geben, der sich intensiver mit dem Thema „Weininvestment“ beschäftigen möchte? 

Trinken, Trinken, Trinken

Und darüber hinaus ? 

Lesen! Z.B. Weblogs wie WeInvestment oder meinen Planet Bordeaux. Und natürlich aufmerksam die Auktionsergebnisse studieren. Und auf gar keinen Fall blind das glauben, was in Tageszeitungen, Magazinen und Börsendiensten steht. Die meisten dieser so genannten Empfehlungen beruhen nach meiner Erfahrung auf vollkommener Markt-unkenntnis oder noch schlimmer: sie werden von „Lobbyisten“ geschrieben, weil die Redaktion dann auch noch am Honorar sparen kann. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum kaum Analysten für den Weinmarkt wie z.B. einen Arend Heijbroek von der Rabobank in Utrecht. Eine ganz grosse Ausnahme macht da die Neue Zürcher Zeitung. Die lässt solche Artikel u.a. für den Wirtschaftsteil von Philippe Schwander schreiben, der ist nicht nur Master of Wine und Weinhändler mit kolossalem Insider-Wissen, er kann auch schreiben und er gilt in der Branche als absolut integer.    

Unter welchem Zeithorizont sollte man das Weininvestment betreiben?

Das Weininvestment ist grundsätzlich eine langfristige Angelegenheit, da grosse Renditen nur mit grossen Weinen erzielt werden können. Und grosse Weine können nur solche sein, die sehr langsam und lange reifen.Natürlich kann man auch kurz- oder mittelfristig spekulieren. Das sollte man aber wirklich den Profis überlassen; denn das funktioniert nur, wenn man eine sichere Möglichkeit hat die Weine auch zu Marktpreisen zu verkaufen. Also jetzt beispielsweise 1989 Mouton (mit dem Mauerfall-Label von Baselitz) kaufen und auf 2009 und 2014 (20 bzw. 25 Jahre Mauerfall) spekulieren. Da dies nebenbei auch noch ein sehr guter Wein ist, kann das funktionieren.Es gibt nur einige wenige Weine wie Pétrus oder Le Pin, deren Preise sich innerhalb kurzer Zeit (zwei, drei Jahre) vom Primeur-Preis aus gerechnet verdoppeln. Die sind aber schwer zu bekommen. Aber da funktioniert das System: kaufe zwei Kisten, warte bis sich der Preis verdoppelt hat und verkaufe eine davon. In der Regel brauchen grosse Weine aus Bordeaux aber einen Zeithorizont von mindestens acht bis zehn Jahren, besser aber 15 Jahre und mehr um eine Rendite zu bringen, die für Anleger interessant sein könnte. Wenn man auf Nummer sicher gehen will, muss man aber z.B. Magnums oder Doppelmagnums der Premiers plus Pétrus aus einem sehr guten Jahrgang kaufen und 20, 30 Jahre warten. Wer das beispielsweise 1983 mit dem Jahrgang 1982 getan hat, besitzt heute ein kleines Vermögen. Sein Einsatz hat sich seither je nach Château ca. um das 20 bis 60-fache gesteigert. 1983 kosteten die Premiers und Pétrus als 0,75 l Flasche so um
die 100 Mark bei Hawesko. Heute werden diese Weine nicht mehr unter 1000 Euro gehandelt und der Pétrus dürfte bei 3000 Euro und mehr liegen.   
 
        

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One Response to “Interview zum Thema „Weininvestment“”


  1. […] Capital Selection GmbH hat Mario Scheuermann drüben bei WeInvestment ein ausführliches Interview über Wein als Investment […]

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