Auf meinem Rückweg aus dem wunderschönen Stubaital habe ich die Möglichkeit genutzt, mich mit Michael Unger von Ungerweine zu treffen. Im Vorfeld hatte ich bei dem Unternehmen angefragt und um einen Gesprächstermin gebeten. Obwohl Herr Unger terminlich sehr eingespannt war, hat es trotzdem geklappt. Dabei möchte ich einmal die sehr positive Art hervorheben, wie meine Anfrage bearbeitet wurde. Angefangen von der schnellen Antwort über die sehr hilfsbereite und freundliche Assistentin bis zum interessanten Gespräch selbst- der Begriff Dienstleistung scheint hier mit Leben ausgefüllt zu werden.

Gesprächsnotizen:

Die Nachfrage zum „Weininvestment“ ist aus Sicht von Michael Unger in Deutschland bislang wenig ausgeprägt. Dabei sieht er das Thema persönlich auch relativ kritisch und es gibt im Unternehmen (welches er gemeinsam mit seinem Bruder führt) derzeit keine Bestrebungen, das Weininvestment gezielt aufzubauen. Grundsätzlich gibt es seiner Meinung dabei  zwei Arten, die es zu unterscheiden gilt. Auf der einen Seite die Investition über Weinfonds und zum anderen das private Investment. Insbesondere bei den großen Weinfonds sieht er dabei mehrere Gefahren, die zu beachten wären. So sei es für die hohen Beträge, die einige Fonds mittlerweile eingesammelt haben, schwierig, entsprechende investmenttaugliche Weine zu erwerben. Beim späteren Verkauf  sieht er das Problem (wie auch schon mehrfach hier im Blog geäußert), größere Positionen zu veräußern, ohne dabei Druck auf die Preise auszuüben. Zudem wird durch die Fonds zunächst zwar das Angebot aus dem Markt genommen, ihm aber zu einem späteren Zeitpunkt komplett wieder zugeführt, da die Flaschen nicht konsumiert werden. Dies könnte dann zu einem Überangebot und fallenden Preisen führen. Letztlich sieht Michael Unger auch die Gebührenstruktur der Fonds skeptisch, da die Nebenkosten für das Management sowie die jährlichen Nebenkosten nicht unerheblich sind.

Dem privaten Weininvestment steht er jedoch positiver gegenüber, da er hier durchaus Chancen sieht, durch entsprechende Informationen und Fachkenntnis, Weine mit entsprechenden Renditepotential gezielt ausfindig zu machen.  Die Zeiten der exorbitanten Preissteigerungen sind für ihn jedoch Geschichte, da seiner Meinung nach die Produzenten (insbesondere die der Premier Crus) die Preissteigerungen zu ihren Gunsten nutzen, indem sie ihre en primeur-Spanne ausreizen, die Menge dabei zunächst begrenzen und dann die späteren Tranchen selbst gewinnbringend auf den Markt bringen. Die bestehende Vertriebsstruktur in Bordeaux hat für Michael Unger sowohl Vor- als auch Nachteile. Über kurz oder lang sieht er Bestrebungen der großen und einflussreichen Châteaux, die bestehende Vertriebsschiene zu ändern. Erste Anzeichen dafür wären für den Fachmann bereits jetzt  zu erkennen. 

Bei dem en primeur Geschäft ist jedes Jahr festzustellen, dass die Kunden sich während dieser Phase extrem auf die neuen Weine focussieren und dadurch ältere Weine, die qualitativ mindestens genauso hochwertig sind,  vorübergehend in den Hintergrund gedrängt werden.

Den derzeitigen Nachfrageboom sieht Unger differenziert. So könnte Russland zwar ein potenter, aber auch sehr kleiner Markt sein. Die Nachfrage aus Asien nach einzelnen „in“-Weinen (z.B. Lafite) könnte zudem wechselhaft sein und müßte sich daher  erst als nachhaltig erweisen. Einer der größten Märkte für das Weininvestment- Nordamerika- leidet hingegen unter dem niedrigen Dollar. Zudem werden seines Erachtens nach die Auswirkungen der Subprime-Krise auch den Weinmarkt treffen. Als Beispiel in der Vergangenheit führt er die Asienkrise 1997 an, die die Weinpreise ordentlich unter Druck gebracht hat. Einige Weine haben erst in der letzten Boomphase 2006/2007 die Preise von 1997 erreicht.  Derzeit verzeichnet Unger für den Bereich der sehr hochwertigen Weine (vorerst?) eine Deckelung der Preise. 

Weltweit geht Michael Unger davon aus, dass es mehr Fälschungen von hochwertigen Weinflaschen gibt, als man allgemein annimmt, speziell im Bereich der Großformate. Die enorme Wersteigerung von einigen Weinen würde Betrüger automatisch anziehen. Den eigenen Keller würde Unger aufgrund sorgfältiger Prüfung zu 99,9 Prozent als fälschungsfrei bezeichnen.

Den Weinkritiker Robert Parker sieht er als absolut führend in der Szene an, der eine enorme Wirkung auf den Endkunden ausübt. Gleichzeitig sieht er in Europa jedoch auch Tendenzen, dass die Konsumenten geschmackskritischer werden und die Stilistik der überextrahierten Weine zunehmend ablehnen.

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